Regionale Geologie im Gebiet um Zermatt

Paläogeographische Stellung des Monte Rosa-Massives


Die paläogeographische Stellung des Monte Rosa-Massives wird zur Zeit kontrovers diskutiert. Es werden im Prinzip alle möglichen paläogeographischen Lagen vertreten. So vertreten zum Beispiel ESCHER ET AL. (1988, 1997) die klassische Meinung, daß es sich bei der Monte Rosa-Decke um Teile der Briançonnais-Schwelle handelt. Sie machen dies an der tektonischen Deckenstellung zwischen den Ophiolithen der Zone von Zermatt-Saas Fee und den nordpenninischen Einheiten aus. Andere Autoren wie STAMPFLI ET AL. (1998), STAMPFLI & MARCHANT (1992), HUNZIKER ET AL. (1992) und STAMPFLI & MARTHALER (1990) sehen in den Internmassiven (Monte Rosa, Gran Paradiso und Dora Maira) den ehemaligen afrikanischen beziehungsweise apulischen Kontinentalrand. Sie versuchen dies mit Subduktionsalter aus der mittleren Kreide zu beweisen (Kapitel: mesozoische Entwicklung im westalpinen Raum), die damit deutlich vor der Subduktion der Briançonnais-Schwelle im Eozän liegen. Die Deckenabfolge Antrona, Monte Rosa, Zermatt-Saas Fee und Sesia-Lanzo spiegelt nach STAMPFLI ET AL. (1998) eine große Mélange durch die Subduktion des Piemont-Ligurischen Ozeans wider. Autoren wie FROITZHEIM (1997), GEBAUER (1999) und RUBATTO & GEBAUER (1999) widersprechen der Meinung, daß sich die Internmassive ehemals am Südrand des Piemont-Ligurischen Ozeans befunden haben. Neue Hochdruck- Metamorphose-Altersdaten (Tabelle 1 im Kapitel: tertiäre Entwicklung) sprechen gegen die apulische paläogeographische Lage, denn die maximale Versenkung wurde demnach nicht in der Kreide, sondern im Eozän erreicht. Vergleicht man die Altersangaben der einzelnen paläogeographischen Einheiten, so müssen die Internmassive (Subduktionsalter von 35 Millionen Jahre) nach der Zone von Zermatt-Saas Fee beziehungsweise dem Piemont-Ligurischen Ozean (Subduktion vor 44 Millionen Jahre) subduziert worden sein. Deshalb setzen die obigen Autoren die Internmassive an den Nordrand des Piemont-Ligurischen Ozeans. Aus den Altersunterschieden in der Subduktion von Mittelpenninikum, den Internmassiven und dem helvetischen Basement schließen sie, daß die Internmassive am Südrand des europäischen Kontinentalrandes gelegen haben müssen. Die Briançonnais-Schwelle wurde nämlich vor 35-40 Millionen Jahren, die Internmassive vor 35 Millionen Jahren und das europäische Basement vor 33-43 Millionen Jahren subduziert (Tabelle 1 im Kapitel: tertiäre Entwicklung) . FROITZHEIM (1997) versucht diese These durch den Vergleich des Monte Rosa-Gebiets mit der Ostschweiz zu bekräftigen. Demnach korreliert er die südlichen Teile der Adula-Decke mit der Monte Rosa-Decke, die Valais-Einheiten (Misox, Chiavenna, Bellinzona-Dascio) mit der Antrona-Zone, die Tambo- und Suretta-Decke mit der Bernhard-Decke und die südpenninischen Einheiten (Platta, Avers, Val Malenco) mit der Zone von Zermatt-Saas Fee. Damit spiegelt das Monte Rosa-Massiv eine Art Aufdomung von europäischer kontinentaler Kruste wieder.


Im Folgenden werde ich die bisherigen Thesen zusammen mit den gewonnenen Erkenntnissen aus dieser Arbeit diskutieren:

Die neuen Altersangaben zur Hochdruck-Metamorphose (= maximale Versenkung bei der Subduktion) sprechen eindeutig dafür, daß das Monte Rosa-Massiv und die Gornergrat-Serie, die zur Monte Rosa-Decke gehören muß (gleiche Altersangaben), vor 38 Millionen Jahren nach der Zone von Zermatt-Saas Fee (vor 44 Millionen Jahren) subduziert worden sein muß. Dies wiederum deutet auf eine Lage nördlich des Piemont-Ligurischen Ozeans hin. Die paläogeographische Lage am Südrand des Piemont-Ligurischen Ozeans kann somit ausgeschlossen werden. Daß die alten Altersangaben aus der Kreide unwahrscheinlich sind, zeigt auch die Überlegung, daß ein kleiner Ozean wie die alpine Tethys sicher nicht mehr als 50 Millionen Jahre gebraucht hat, um vollständig subduziert zu werden. Die tektonische Stellung des Monte Rosa-Massives unter der Zone von Zermatt-Saas Fee und diese wiederum unter der Sesia-Lanzio-Zone beziehungsweise der Dent Blanche-Decke spricht eher für die These, daß die ehemalige Lage der Nordrand des Piemont-Ligurischen Ozeans war. Die Korrelation mit der Ostschweiz würde ebenfalls diese Annahme unterstützen. Nimmt man an, daß die Antrona-Zone bedingt durch den Reichtum an Ophiolithen (die eher untypisch für den Valais-Ozean sind) und die Verbindung zur Zone von Zermatt-Saas Fee (Abb. 6) südpenninisch ist, muß sie eingeschuppt beziehungsweise eingefaltet worden sein. Folglich muß auch der Meinung von FROITZHEIM (1997), daß die Antrona-Zone dem Valais-Ozean entspricht und somit das Monte Rosa-Massiv europäisch beziehungsweise helvetisch ist, widersprochen werden. Wäre das Monte Rosa-Massiv europäischen beziehungsweise helvetischen Ursprungs, dann müßte es extrem "aufgedomt" worden sein. Auch die benachbarte Stellung zur Bernhard-Decke passt weniger zu dieser Auffassung.

Meiner Meinung nach kommt der Furgg- und Gornergrat-Zone bei der Interpretation der paläogeographischen Stellung eine wichtige Rolle zu, die bisher nicht beachtet wurde. Wie schon im vorigen Kapitel diskutiert, ist es sehr unwahrscheinlich, daß es sich bei der Furgg-Zone um paläozoische Einheiten handelt. Vielmehr muß man von einer Einschuppung von südpenninischen Serien ausgehen, denn die Furgg-Zone ist extrem zerschert, oft in das Monte Rosa-Basement eingeschuppt, von den Granitintrusionen im Oberperm unbeeinflußt und es fehlt der stratigraphische Kontakt zum Basement. Die stratigraphisch inverse Lage der Gornergrat-Zone und Kataklasite aus Raibleräquivalenten sprechen ebensowenig für eine autochthone Lage auf dem Monte Rosa-Basement. Folgende Gesteine der Gornergrat- und Furgg-Zone untermauern eine südpenninische Herkunft beziehungsweise Nähe: Serpentinite beziehungweise Ultrabasite sind für den Valais-Ozean sehr untypisch, Unterjura-Brekzien aus der Gornergrat-Zone, die die Öffnung des südpenninischen Ozeans widerspiegeln (im nordpenninischen Ozean treten die Brekzien erst ab dem Oberjura auf) und Karn-Sedimente, die mehr den ostalpinen Raiblerschichten als den helvetischen Keupersedimenten entsprechen und damit südlich der Briançonnais-Schwelle abgelagert worden sein müssen. Zudem ähneln die Raibleräquivalente sehr stark denen der Mont Fort-Decke. Die Mont Fort-Decke, in die auch Serpentinite eingeschuppt sind, wird an den Südrand der Briançonnais-Schwelle gelegt. Folglich liegt es nahe, die Furgg- und Gornergrat-Zone auch an den Südrand der Briançonnais-Schwelle zu stellen. Damit muß allerdings auch das Monte Rosa-Massiv den südlichen Teil der Briançonnais-Schwelle gebildet haben. Dafür sprechen die südliche Lage zur Bernhard-Decke und die Einschuppung von südpenninischen Ophiolithen und Sedimenten, die aus oben genannten Gründen nicht aus dem Valais-Ozean stammen können.

Der Metamorphose-Unterschied zwischen der Siviez-Mischabel-Decke (blauschieferfaziell überprägt) und der Monte Rosa-Decke (eklogitfaziell überprägt) widerspricht dieser These nicht, denn daß der Südrand der Briançonnais-Schwelle durch die vorrückende Subduktion tiefer versenkt worden ist, ist anzunehmen. Wie oben erwähnt, erklären einige Autoren die europäische Lage mit Hilfe der Hochdruck-Metamorphose-Alter. Allerdings schwanken die Daten des europäischen Basements, der Briançonnais-Schwelle und der Internmassive alle um 35 Millionen Jahre beziehungsweise haben nur geringe Unterschiede zueinander. Daraus eine zeitliche Abfolge der Subduktion der drei Einheiten abzuleiten, ist eher spekulativ und würde demnach nicht gegen eine ehemalige mittelpenninische Stellung des Monte Rosa-Massives sprechen.


Zusammenfassend sprechen folgende Punkte für den Südrand der Briançonnais-Schwelle als paläogeographische Lage:



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